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12. August 2026

Gesichter von Rat geben: Interview mit Tahire Dilara Gürbüz

Tahire Dilara Gürbüz ist seit 2017 bei Morus 14 e.V. tätig und leitet aktuell das Projekt „Schule-fertig-los!“. Sie hat an verschiedenen Infoveranstaltungen, Schulungen und Netzwerk-Austauschen des Rat geben-Projekts ,,Zielbewusst für die Ausbildung!” teilgenommen.

Was machen Sie beruflich und was interessiert Sie daran, als Bezugsperson bei Rat geben mitzumachen?

Ich koordiniere unsere Samstagskurse und bin die Hauptansprechpartnerin für die Jugendlichen, ihre Eltern und die Lehrkräfte. Im Rahmen des Projekt bereite ich gemeinsam mit einem Team aus Lehrkräften die Jugendlichen auf ihre Abschlussprüfungen vor. Dabei lernen sie auch, wie sie sich auf Bewerbungsgespräche vorbereiten, worauf sie achten sollten und wie sie selbstbewusst auftreten können. So gewinnen sie mehr Sicherheit und Selbstvertrauen – sowohl fachlich als auch im Hinblick auf ihre berufliche Zukunft. Dabei geht es jedoch nicht nur um reine Wissensvermittlung, sondern auch um die persönliche Begleitung am Übergang Schule-Berufsausbildung. Insbesondere für diese Aufgabe suche ich immer wieder neuen Input.

Wie hat „Check up“ Sie in Ihrer Rolle als Bezugsperson unterstützt?

Durch das Rat geben-Projekt habe ich vor allem gelernt, die Situation von jungen Menschen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz aus einer differenzierteren Perspektive zu betrachten. Durch den Austausch mit anderen Bezugspersonen und die verschiedenen Rat geben-Schulungen konnte ich meine eigenen Erfahrungen aus der täglichen Arbeit besser einordnen und neue Erkenntnisse gewinnen. Dabei wurde mir noch einmal klar, dass viele junge Menschen durchaus motiviert und engagiert sind, aber trotzdem auf große Hürden bei der Ausbildungssuche stoßen.

Ich habe außerdem gelernt, strukturelle Barrieren und mögliche Diskriminierung stärker wahrzunehmen. Dazu gehören beispielsweise fehlende Rückmeldungen auf Bewerbungen, eine begrenzte Anzahl an Ausbildungsplätzen oder Benachteiligungen aufgrund des Namens oder der Herkunft. Durch die Schulungen und die Auseinandersetzung mit aktuellen Statistiken konnte ich mein Wissen über die Situation auf dem Ausbildungsmarkt auffrischen und erweitern.

Welche besonderen Herausforderungen begegnen Ihnen in der Begleitung von jungen Menschen mit Migrationsgeschichte, und wie unterstützen Sie sie dabei?

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, Jugendliche zu motivieren und in ihrem Selbstvertrauen zu stärken, insbesondere wenn sie an sich selbst zweifeln oder sich aufgrund von Misserfolgen wenig zutrauen. Dabei ist es wichtig, ihnen zuzuhören, Sicherheit zu geben und individuell auf ihre jeweilige Lebenssituation einzugehen.

Nicht immer liegt es an fehlender Motivation, wenn Jugendliche Schwierigkeiten haben, sich auf Schule oder Ausbildung zu konzentrieren. Oft beschäftigen sie private oder andere belastende Themen. Deshalb ist es wichtig, jeden Jugendlichen dort abzuholen, wo er gerade steht, und die Begleitung individuell zu gestalten.

Welche Werte finden Sie am wichtigsten in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen?

Wichtig für meine Arbeit ist natürlich auch die Beziehungsarbeit. Die steht auch im Mittelpunkt, weil die Beziehungsarbeit eine Grundlage dafür ist, dass Lernen überhaupt stattfinden kann. Und deswegen bin ich immer vor Ort nicht nur für die Wissensvermittlung, sondern natürlich auch als Mentorin oder Vorbild und spreche auch mal über Hürden oder private Themen, was die Jugendlichen so beschäftigt. Dann sprechen wir dann vielleicht mal eine Stunde nicht über Mathe, sondern über Probleme in der Schule, über Ausbildungsplatzsuche oder andere Themen.

Was motiviert Sie, junge Menschen mit Migrationsgeschichte zu unterstützen?

Was mich dabei besonders motiviert, ist zu sehen, wie junge Menschen ihre eigenen Fähigkeiten entdecken, Schulabschlüsse erreichen und anschließend erfolgreich ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg gehen. Besonders schön ist es, wenn ehemalige Teilnehmende später selbst Verantwortung übernehmen und ihre Erfahrungen an andere junge Menschen weitergeben. Das zeigt, dass die Unterstützung nachhaltig wirkt.

Und dazu motiviert mich vor allem zu sehen, dass die Begleitung einen Unterschied macht und junge Menschen dadurch ihre Ziele erreichen können. Ich wünsche mir, dass junge Menschen nicht vorschnell als „faul“ oder “desinteressiert” abgestempelt werden. Stattdessen sollten wir ihre Lebensrealitäten und Bedürfnisse verstehen, ihnen zuhören und sie individuell begleiten. Dafür ist es wichtig, sich offen mit der heutigen Generation und ihren Herausforderungen auseinanderzusetzen.

Welche Verbesserungen oder Wünsche haben Sie für die zukünftige Arbeit und Unterstützung junger Menschen mit Migrationsgeschichte?

Ich wünsche mir eine stärkere Vernetzung und einen regelmäßigen Austausch zwischen Bezugspersonen, Projekten und Organisationen. So kann man besser wissen, welche Angebote es gibt und junge Menschen gezielter weitervermitteln.

Dabei ist eine Vertrauensbasis besonders wichtig. Wenn junge Menschen wissen, dass ihre Bezugsperson die Anlaufstelle kennt und sie dort erwartet werden, fällt es ihnen leichter, Unterstützung anzunehmen. Eine gute Vernetzung kann daher dazu beitragen, Jugendliche gezielter und nachhaltiger zu unterstützen.

Vielen Dank für Ihre Zeit!